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Sagenwelt

KULTUR

Die Urner Berglersage ist voll von wunderlichen Geschichten, in denen ganze Landschaften ins Wanken geraten. Noch heute weiss ein Strahler von Kristallhöhlen zu erzählen, die über Nacht verschwunden sind. Oder ein Jäger berichtet, wie er einen Gemsbock erlegte und darauf anstelle der Jagdbeute einen Frauenrock vorfand. Auch der wackere Bergführer Z'graggen wurde nicht verschont. Nach seiner Rückkehr über den Brunnipass folgte ihm ein Mensch ohne Kopf durch das ganze Brunnital hinaus und nur der zufällig im Hotel Alpenclub anwesende Einsiedler Pater konnte den Geist erlösen. Auf einer Erstfelder Alp zerfiel ein Dieb mit den gestohlenen Welchessi auf dem Rücken in Staub und Asche. Im Leutschachtal rief ein weisser Vogel drei Abende lang furt-furt! Dann barst der Jakobsee und begrub die ganze Alp unter sich. In der Pyramide des Bristenstocks, so offenbarte ein "Venediger", tropfe in einer Höhle lauter Gold von der Decke während im Schächental ein Senn auf der Claridenalp eine leichtfertige Hure unterhielt und ihr den Weg von der Sennhütte bis zum Chäsgaden mit Käseleibern belegte. Die einst so ertragreiche Alp erstarrte zu Schnee und Eis. Drei Hexen wollten sogar den Gitschenstock auf Seedorf hinunterstürzen. Da läuteten die Seedorfer mit allen drei Glocken und vereitelten so das böse Unternehmen, denn der Gitschen wankte bereits bedenklich vornüber.


Quelle:
Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945, S. 27-28.
Internet- Bearbeitung: Sepp Huber


Die Sage vom Boglikapuziner

Auf der Alp Bogli im Erstfeldertal erschien von früher von Zeit zu Zeit ein Gespenst. Es trug ein braunes, kuttenartiges Kleid, weshalb es die Leute Boglikapuziner nannten. Gewöhnlich kam es von der Alp Wanneli her die in einer Mulde am Abhang des Geissberges liegt, stampfte im Boggli herum und betrat auch das Häuschen, tat aber niemand etwas zu Leid. Nach anderen kam es aus dem Gemäuer im Bogliberg. Einmal übernachtete daselbst der Riseler Jost sel. der alt Friedli und ein junger Bursche. Es hatte “ ä wiätigä Patsch Schnee gleit “ und immer noch fielen Schneeflocken vom Himmel. Als sie ins Bett gingen sagte der Riseler: “ Hinächt het’s doch gwiss am Bogglikapuziner d’Nasä drüss, usem Wannäli firä z’cho”. Aber wohl! Kaum geagt, war es schon da, stampfte ums Häuschen herum und polterte an der Türe. Schlotternd zog der alt Friedli die Decke über den Kopf und jammerte: “ Ei, Herr Jesses, der Tyfel, der Tyfel. Hät­tisch dü nur nit gseit”. Ein anderes Mal, es lag ebenfalls eine Menge Neuschnee, spotteten die Knechte über den Bogli­kapuziner. Der Geissbub warnte sie und sagte, er habe ihn im Wanneli allzuoft gesehen auf einem Stein sitzen. Sie aber lachten und sagten: “ Ja, der tät äu nu ä chly blasä und chättä dur ds’ Boggli üfä “. Kaum war diese Rede zum Munde hinaus polterte er auch schon an die Türe und trat herein. Dem Geissbub, der auf dem Ofenbänkli schlief gab er so einen Blick, ging an ihm vorbei und trat ans Bett heran in dem die zwei anderen lagen, stützte sich mit den Händen auf den Bettrand, beugte sich vornüber und schaute ihnen ins Gesicht. Dann ging er wieder fort. Zuletzt liess mam den Pfarrer kommen, dass er das Bauernhäuschen aussegne. Während er die Segnung vornahm, sah man etwas wie eine grosse weisse Katze aus dem Häuschen heraus und gegen den Gaden laufen. Damit nahm der Spuk sein Ende.


Der gestohlene Alpkessel

In einer Erstfelderalp hatten sie einen heillosen Verdruss wegen dem Alpchessi. Jeden Winter wurde es ihnen gestohlen und sie konnten dem Dieb gar nicht auf die Spur kommen. Endlich ‘legten sie dem Dieb den Segen’ dass heisst, sie liessen ihn bannen, b’stellen, dass er mit samt seinem Raube musste stehen bleiben bis die Besitzer ihn selber befreiten. Jetzt hätten sie am nächsten Morgen früh vor Sonnenaufgang in der Alp sich stellen sollen um ihm den Chessel abzunehmen. Aber sie vergassen es. Als sie nun im nächsten Sommer die Alp bezogen, da stand der Dieb in der offenen Haustüre, steif und brandschwarz, das Welchessi auf dem Rücken. Sie betrachtenen und erkannten ihn. Wie sie ihn antasteten zerfiel er zu Staub und Asche. Gestohlen wurde ihnen nie mehr.


Der gespestige Hirte

In der Ellbogenalp geriet durch die Schuld des faulen Kühhüters ein Stier in eine Geissweide und in eine felsige Kehle, wo es ausglitt und zu Tode stürzte. Nachdem dieser Küher gestorben war, sahen ihn die Älpler eines Nachts in jener Kehle herumgeistern. Er trug den Stier bergauf. Schon war er mit ihm beinahe in der Kuhweide angelangt, als er ihm von der Schulter viel. Er trug ihn neuerdings durch das Tobel hinauf um das gleiche Missgeschick zu erfahren. Das dritte Mal reichten seine Kräfte nicht mehr aus um den Stier von der Stelle wegzutragen. Hätte er ihn das dritte Mal bis oben an das Ende der Kehle in die Kuhweide gebracht, so wäre es erlöst gewesen.

Der Jakobsee

Furt ist heute ein Ausstafel der Leutschachalp ob Amsteg, nach der Sage aber bildete es vor alten Zeiten eine Alp und konnte zwei Sennten erhalten. Eines Abends flog ein weisser Vogel über die Alp und schrie: “Furt, Furt ”! Die Alpschweine stellten die Ohren, horchten auf und in rasenden Galopp stürmten sie davon talauswärts. Nicht so die Menschen mit dem übrigen Vieh; sie blieben. Am zweiten Abend erscholl der gleiche Ruf. Der Senn des einen Sennten meinte, man solle doch die Warnung beachten und die Alp verlassen. Er wurde jedoch nur ausgelacht. Der dritte Abend, es war der Abend vor St. Jakobstag, brachte schwarze Wolken mit die sich drohend über der Alp lagerten und wieder erschien der weisse geflügelte Bote über der Alp und schrie mit schauerlicher Stimme: “ Furt, Furt”! Der eine Senn liess sein Sennten zusammentreiben und verliess mit ihm und seinen Knechten die unheimliche Alp. Ein schreckliches Gewitter brach los. Als sie auf Heitersbüel noch einmal zurückblickten, berstete gerade die Felswand ob der Alp und stürzte samt dem dahinterliegenden Jakobsee krachend zur Tiefe und begrub die Trift mit Menschen und Vieh unter haus­hohen Trümmern. Seit jener Zeit heisst die Gegend Furt und ist nicht mehr nutzbar, den Stafel mußten sie auf eine andere Talseite verlegen.


Drei Steinsäulen

An einem Feiertag schossen drei Jäger am Bristen eine weisse Gemse und fanden, statt der Beute eine schöne Jungfrau die ihnen vorwarf: „Ihr habt den Tag entheiligt und müsst hiefür bestraft werden. Wollt ihr lieber dreiKlafter in den Boden oder auf die höchsten Grate versetzt werden“? Sie wählten das letztere und wurden in Steinsäulen verwandelt, die heute noch auf dem Bristen, der Windgälle und auf der Krönte stehen. Alle hundert Jahre treffen sie sich und klagen.

Das schatzhütende Gespenst

In Erstfeld, da wo der Altbach aus dem Tobel In herausstürzt, nicht weit von der Säge, ist ein furchtbarer Krachen und dabei hatte sich oft ein Gespenst bemerkbar gemacht. Es war ein scheußliches Ungeheuer, hatte Hinterbeine. Füße und Kopf eines Pferdes, Arme und Hände eines Menschen und spie Feuerflammen aus dem Maule. Einst wollten unerschrockene Männer an’s hin. Aber da wütete es furchtbar und schrie ganz besessen: “ Kommt nur, ich will euch in alle Winde zerstreuen”. Da holten sie den Pfarrer und einen Kapuziner. Einer allein wäre ihm nicht Mann’s genug gewesen. Diese zwei sprachen es an und erhielten von ihm das Geständnis es habe einen Haufen Geld gestohlen und dieses Geld sei in jenem Krachen versteckt. Wenn einer das Geld hole und es dem Bestohlenen, oder einem Armen aushändige, könne es erlöst werden. Aber kein Mensch hat es je gewagt, das Geld zu holen. Endlich bannten es ein Kapuziner und ein Weltgeistlicher. Aber das hat etwas gekostet. Beide waren, als sie ihre Exorzismen beendet hatten ganz erschöpft und in Schweiss gebadet. Einer allein wäre ihm nie Meister geworden.


Geheimnisvolles Kapitel

Einige junge Burschen von Erstfeld im Kanton Uri wussten, dass droben auf der Flüe am Eingang zum Erstfeldertal das “Michileneli“, die Tocher des Vestermichi, (Silvester Michael Huber), wohne. Eines Tages beschlossen sie, auf Brautschau zu gehen. Schon waren die drei Eidgenossen am Ziele angelangt und machten sich durch eigenartigen Gesang, das sogenannte “Breugen“ bemerkbar. Der Vater Huber war aber mit den wohlmeinenden Absichten aber keineswegs einverstanden und meinte es sei noch nicht an der Zeit für seine Tochter. Kurzum vertrieb er die nächtlichen Freier. Diese ergriffen die Flucht, wobei einer auf Weg und Steg nicht achtend, ins gähnende Tobel und in den tief unten rauschenden Altbach stürzte. Trotz eifrigen Suchens war der Verunglückte nicht aufzufinden. In der Not seines Herzens ging nun das verängstigte Michileneli in Muotathal zu Dekan Schmid. Dieser gab genau die Stelle an, wo man suchen müsse und dort wurde die Leiche denn auch gefunden.


Ds' Schopfämüeterli

Auf der Schopfen im Erstfeldertal hat früher ein Gespenst sein Wesen getrieben. Ganz äs chlys Müeterli! An bestimmten Tagen traf man jeweils im Gaden zwei Kühe in einer Kette verwickelt an und es fand sich in jener Gegend nur einer der imstande war "mit-ämä b'sägnätä Zwick " die Kette zu lösen. De Familienvater daselbst wollte es nie dulden, dass einer seiner Söhne an einem Seelensontagabend herumschwärmten oder z'stubeten gingen. Nun geschah es einst, dass ein guter Freund in diesem Abend kam und den Sohn Vinzenz verzeckte. Die Mutter sprach letzterem noch zärtlich zu, er solle ja nicht ausgehen und drohte endlich den beiden " Susch bringt'ech de ds' Schopfämüeterli! Doch das Mahnen blieb ohne Erfolg. Die Burschen machten sich auf die Strasse. Nach einiger Zeit ging die Mutter ins Bett; um aber zu wissen wann der Sohn heimkomme hängte sie eine Trychel an die Innenseite der Haustüre. Aber wohl! " Nyt lang sig's gangä, da siget diä Purschtä wieder cho- und wiä. Mit sannt dr' Tirä siget sy i ds' Hüs innä! Das säb` Schopfämüeterli, das heig's bracht. Später wurde es in eine Fluh hinauf verbannt.



Nicht spotten

Gibts Gespenster oder nicht, basta, spoten soll man nicht. Der Rieseler Josti im Bogliberg hat's erfahren. Der hat im Boggliberg gespottet über ein Gespenst, das Bogglikapuziner genannt wird. Aber wohl, nicht lange ist's gegangen und da kam's an die Haustüre, kam in die Küche und klopfte an die Stubentüre. Nur um zu zeigen, dass es sich nicht spötteln lässt. Dem alten Balz im Bodenberg ist's gleich ergangen. Er hat es selbst dem Lunzitöni erzählt.


Ein Kind sieht seinen verstorbenen Vater

Ein Bauer in Erstfeld wurde vor kaum zwei Jahrzehnten von einer stiersüchtigen Kuh zu Boden gedrückt, dass er das Rückgrat brach und daran starb. Kurze Zeit nachher, als die Mutter mit ihrem zweijährigen Kinde zum Stalle ging, um das Vieh zu besorgen, rief dieses auf einmal: »Lüeget, da chunt der Vatter hinderem Gadä firä.« Ähnliches ereignete sich später mehrmals; die Mutter aber sah allemal nichts und suchte es auch dem Kinde auszureden und sagte ihm, der Vater sei ja nicht mehr hier, er sei im Himmel. Aber das Kind bestand jeweilen auf seiner Aussage. Endlich sagte es die Mutter dem Pfarrer in Bürglen; der fragte, ob das Kind tifig genug wäre, die Erscheinung anzureden und zu fragen, was sie wünsche und was ihr fehle. Die Mutter meinte: ja, und unterrichtete das Kind in seiner Rolle. Es redete bei der nächsten Erscheinung den Vater an, und der bekannte, er habe etwas gefehlt und bedürfe dafür dies und jenes. Das sagte dann die Mutter dem Geistlichen wieder, und dann erschien der Vater nie mehr. Was dieser gefehlt und was er noch gewünscht hatte, sagte die Mutter ausser dem Geistlichen niemanden.


Voraussehen

Folgende Begebenheit, die eigentlich nicht zu den Sagen gehört, die ich aber doch mitteilen möchte, erzählte mir im Jahr 1926 der 53-jährige Alois Furrer, mehrjähriger Gemeindepräsident der grossen und sehr gemischten Gemeinde Erstfeld, ein gewissenhafter und durchaus nüchtern denkender Mann. Bekanntlich sind in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der Aemmeten zu Erstfeld zwei Personen vom Blitz erschlagen worden. Nun, einige Zeit vorher schaute ich eines Tages an dieses uns benachbarte Haus hinauf. Ich war ein junger Bub und sass in unserer Wiese. Auf einmal ging der Balken im Firstkämmerchen auf, ein Mann schaute hinaus, der den Laden aufgetan hatte und hinter ihm stand ein anderer, mir Unbekannter, in schwarzer Kleidung und schaute ebenfalls hinaus. Dann schloss sich der Laden und alles war wie vorher. Ich habe nie-mand gesehen zum oder vom Hause gehen. Ich wusste auch, dass zur Stunde kein Seelenmensch in diesem Hause war. Einige Monate nach dem Blitzeinschlag kam der Pfarrer in die Aemmeten, liess sich zeigen wie der Blitz in die Firstkammer und von da durch das Gebäude hinunterfahren war. Und genau so, wie ich es an jenem Tag gesehen, ging der Balken der Kammer auf, ein Insasse des Hauses, der ihn aufgetan, stand in der Öffnung und hinter ihm der Pfarrer, dem jener die Sachlage erklärte.


Ein Knecht

in der Kuhplanggalp zuhinterst im Erstfeldertal konnte es gut mit dem Teufel. Häufig schlief er am Schatten hinter einem Stein und dann kam jedes Mal der Teufel und wehrte ihm die Fliegen. Dänk mid'm Schwanz!

Spuk auf dem Hüttendach

Von jeher hiess es, in der Alp Bärlibutz im Erstfeldertal "sig's nit s'übers" Einst übernachtete da eine Gesellschaft die in die Farnstreue gehen wollte. Aber wohl! Nach Mitternacht kam's. Wie der ärgste Hagel prasselte es auf das Hüttendach nieder.

Arme Seelen im Bockitobel

Ein Reisender, der von der Surenen her kam und von der Nacht überrumpelt wurde, erblickte im Blattental ob Erstfeld ein Licht, ging darauf los und fand ein altes Häuslein, wo er anklopfte. Ein altes Müetterli tat ihm auf, liess ihn eintreten und bot ihm Herberge an. Sagte aber, es sei eine arme Seele, die hier ihr Fegfeuer abbüssen müsse. Im nahen Bockitobel aber sei die Hölle. »Ja«, sagte es, »wenn ihr wüsstet, wie viele dort sind! Ich weiss etwas! Es ist so mit verdammten Geistern angefüllt, dass man mit Stosskarren darüber fahren könnte, wenn sie mit Leibern behaftet wären.« Dem Fremden wurde es unheimlich, und er verliess bald die merkwürdige Herberge.


Wolgänger

Einem nächtlichen Wanderer, so haben sie in Erstfeld erzählt, da ich als Knabe dort aufwuchs, begegnete ein Trupp unbekannter Leute, die miteinander plauderten und lachten alsbald ein zweiter und zuletzt ein dritter. Dieser war der schweigsamste, und einer daraus fragte den Wanderer, wiä spat dass syg. Er nannte eine Stunde so um Mitternacht herum, worauf der Fragende entgegnete, äs syg nu wohl friäh. Man glaubte, es seien Wolgänger gewesen, d.h. die Seelen Abgeschiedener, wo ihres Zytt nid erläbt häiget.

Starke Männer

Ein grosser, starker Mann war auch der »grosse Gerig« im Streiwiriss, auch der Riese genannt. Einst führten sie ihn an einer Kette nach Schwyz, wo ein Scheiber und die Gebrüder Stiger als Kraftmenschen bekannt waren. Mit diesen sollte er sich messen. Der Scheiber betrachtete den Gerig so von oben herab und meinte: »Wenn-er keini ander Mannä hennt z'Uri innä, so blybet däheimä!« Dann warf er ihn nach kurzem Ringen auf den Boden. Aber vor den verschiedenen starken Männern aus dem Geschlechte Furrer mussten auch die Schwyzer Respekt haben.

Der starke Karli Furrer in Erstfeld

Zu einer Mutter in Erstfeld kam einst ein Heidenweiblein und streute ein Pulver in den gerösteten Mehlbrei, den sie ihrem Kind bereitet hatte. Da sagte die Mutter: »Tiämmer de nit eppis dri, dass mys Chind chrank wird uder stirbt!« Das Weiblein lächelte und meinte: »Nä näi! aber ä starchä Ma müess wärdä!« Und so geschah es. Es wurde der starke Karli Furrer, der ein »doppeltes Gnärv« hatte, und von dem man allerlei Kraftstücke erzählte.


Der Drapoling von Erstfeld

An einem Schmutzigen Donnerstag geschah es zu Erstfeld, dass zwei Drapolinge einem Geistlichen begegneten, der auf einem Versehgang begriffen war. Der eine von ihnen zog die Larve ab und bezeigte die gebräuchliche Reverenz, der andere hingegen – »der wiëscht Pleger!« – nahm einen Luftsprung, rasselte mit seinen Schellen, kehrte dem Priester den Rücken und klopfte sich den Hintern. Aber die gerechte Strafe Gottes erreichte ihn. Die Larve konnte nicht mehr vom Gesichte entfernt werden, auch nicht, als man den Spötter nach Einsiedeln brachte. Später verbrannte er mit samt seinem Häuschen.


Todankündende Leichenzüge

Vom Wyler bis zur Pfarrkirche in Erstfeld sind vier »Lychghirmänä«, das heisst durch Feldkreuze oder Helgenstöckli bezeichnete Stellen, wo die Leichenzüge anhalten und beten.
Ein Erstfelder kehrte von einem nächtlichen Besuche nach Hause zurück. Das milde Licht des Mondes erhellte ihm den Weg. Wie er der Lychghirmi beim Hofacher sich nähert, sieht er bei ihr einen Leichenzug. Deutlich schaut er den schwarzen Sarg im bleichen Mondlicht; er kennt die Sargträger, den Knaben mit dem Grabkreuz, hört die Leute beten. Daheim prophezeit er, in der Nachbarschaft werde es bald eine Leiche geben. Und richtig, am dritten Tage starb der Rütti-Sepp, und die Leichen- und Kreuzträger waren jene, die der nächtliche Wanderer bei der Lychghirmi gesehen hatte.



D'Stund isch da

Platti-Liese, ein 1890 im hohen Alter von 100 Jahren verstorbenes Müetterli, hat erzählt:
Im Erstfeldertal arbeiteten einst mehrere Männer am Holz. Da hörten sie eine Stimme rufen: »D'Stund isch da, und d'r Mänsch isch nu nit da.« So rief es rasch dreimal nacheinander, und jetzt kam im hellen Lauf ein Mann daher gerannt und wollte an ihnen vorbeieilen. In diesem Augenblick fiel die Tanne und tötete den Eilenden. Mein Vater hat diesen Mann gekannt.

Französischer Soldat

Ein französischer Soldat, der im Jahre 1799 den Pfarrhelfer Püntener tödlich verwundete, soll in einem Kämmerchen des Helferhauses, in welchem er eingesperrt und gebannt ist, spuken. Einst öffnete eine frische, noch unkundige Magd das Zimmer. Bald hernach kam der Soldat heraus und lief eine Strecke weit einem etwa zwölfjährigen Mädchen nach, das sich aber nicht fürchtete, weil es einen weissen Begleiter neben sich her gehen sah. Nach anderen sah man diesen Soldaten in voller Rüstung von Zeit zu Zeit durch die Jagdmattstrasse hin und her gehen.



Unter eine Esche gebannt

Meiner Mutter Eltern besassen in der Nähe des Bockitobels drei Berggütlein. In deren einem war es nicht geheuer, und man schickte sich an, den Geist in das Bockitobel zu verbannen. Da schrie er erbärmlich: »Nur nid i dz Tebäli, nur nid i dz Tebäli! Wennd alli Lyber hättet, so wär dz Tebäli scho lengstä volles.« Darauf verbannte man ihn unter eine Esche ob dem Berggut.
Einmal stiegen zwei Kinder der Familie in die Alp Waldnacht hinauf, um im sogenannten Waldhittli Süffi zu holen. Unter der genannten Esche setzten sie sich und hend da gsungä und g'häuret. Auf einmal bekamen sie den Mund voll Pfüsi (Blasen). Jetzt kam es ihnen in den Sinn, dass das verbannte Gespenst unter der Esche hause, und sie gingen weg.


Die unheimliche Nachtherberge

Ein Reisender, der von der Surenen her kam und von der Nacht überrumpelt wurde, erblickte im Blattental ob Erstfeld ein Licht, ging darauf los und fand ein altes Häuslein, wo er anklopfte. Ein altes Müetterli tat ihm auf, liess ihn eintreten und bot ihm Herberge an. Sagte aber, es sei eine arme Seele, die hier ihr Fegfeuer abbüssen müsse. Im nahen Bockitobel aber sei die Hölle. »Ja«, sagte es, »wenn ihr wüsstet, wie viele dort sind! Ich weiss etwas! Es ist so mit verdammten Geistern angefüllt, dass man mit Stosskarren darüber fahren könnte, wenn sie mit Leibern behaftet wären.« Dem Fremden wurde es unheimlich, und er verliess bald die merkwürdige Herberge.

Diebstahl mit Hindernissen

Zwei junge, lebensfrohe Burschen von Erstfeld – mein Gewährsmann hat sie noch gekannt – wollten nachts in der Zieglermatte »Tommäsyndli« stehlen. Der eine bestieg den Baum und schüttelte, während der andere aufpasste. Es fiel eine Masse der süssen Früchte; das heig prägglet! Der Bursche stieg endlich vom Baume herab, um sie gemeinschaftlich mit dem Kameraden aufzulesen. Aber wer kein einziges Tommäsyndli erwischte, das waren die zwei Diebe! Wie das zuging, weiss ich nicht, aber item sie bekamen einfach keines in die Hände. Doch von der Krankheit des Obststehlens waren die zwei Helden ein- für allemal gründlich geheilt. Die Eigentümer haben wahrscheinlich etwas für die armen Seelen getan und ihnen dafür die Bewachung des Obstgewächses übergeben. Das haben sie früher oft gemacht.



Die Begegnung in den Langen Matten

Mein Mann hat das folgende für eine Wahrheit erzählt. Als er noch ledig war, ging er eines Nachts von Erstfeld her durch die Langen Matten hinunter, und da kam ihm etwas Rundliches entgegen und schritt im Bogen an ihm vorüber. Es sah fast wie ein Kapuziner aus und knisterte. Neugierig schaute ihm nach einer Weile der Hansi nach, und da wurde er inne, dass es keinen Kopf hatte, und er erschmyete und fing an zu frieren, natürlich vor Schreck. Als er heimkam, wurde er krank und hatte mehrere Tage einen geschwollenen Kopf. Sie sagten ihm, er hätte nicht zurückschauen sollen.

Was mochte das sein?

Zwei Brüder Wipfli von Erstfeld haben im Weidli in der Rynächtgegend ihr Vieh besorgt und sind im Begriffe heimzugehen. Da sehen sie zwei Gestalten, Weibervölker, wie sie meinen, von unten herkommen, und es sagt der eine zum andern: »Gang du afigs, dü värchunnsch da Gspanä, ich chumä bald nachä.« Dieser gehorcht, und da die Gestalten am Gädemli schon vorbeigehuscht, beschleunigt er seine Schritte, um sie einzuholen. »Die hesch du bald b'sogä«, sagt er sich. Aber trotzdem er sich wacker sputet, sind sie doch beständig so 10–20 Schritte von ihm entfernt. Vor dem Hofstetten-Steg denkt er: »Ähä, jetzt hesch es de!« Kaum gedacht, haben sie die Brücke hinter sich. Beim Türli zu Hofstetten ist er ihnen so nahe gerückt, dass er auf sie losschiesst und sie packen will. Doch halt! Er greift ins Leere, und die zwei Rätsel sind ihm um 20 Schritte voraus. Endlich zu Niederhofen holt er sie ein, will an ihnen vorbei springen und ihnen ins Angesicht schauen. Doch wie er den Anlauf nimmt zum Sprunge, sind sie auch schon wieder fort. Ohne sie eingeholt und erkannt zu haben, betritt er sein Haus, das am Wege steht. Es waren unbestimmte menschliche Gestalten, er wusste nicht, ob Mannen-oder Weibervölker, doch schienen sie ihm eher das letztere zu sein (19. Jahrhundert).

Gespenst als Bettsack.

Als einst mein Vater in seinen jüngeren Jahren als Kutscher seinen Meister, einen Arzt in Altdorf, von Erstfeld nach Altdorf heimfuhr und die Gegend am Rynächt erreichte, stand auf einmal das Chaiseross still und wollte um's Verroden nicht ab Fleck. Der Vater stieg aus, und da bewegte sich mitten in der Strasse vor dem Ross her etwas wie ein Bettsack. Es blieb dem Vater nichts anderes übrig, als das Ross am Zaume am Bettsack vorbeizuführen; nachher trabte es eines Laufes bis zu Haus und Heim.



Spinnerin am Rynächt

Unsere Grossmutter, eine Erstfelderin«, so erzählt mir ein altes Meitli von Wassen, »marschierte eines Tages mit zwei Töchtern, von denen die ältere meine Mutter wurde, der Rynächtfluh entlang gegen Altdorf. (Die alte Strasse lief näher der Fluh als die heutige.) Ganz plötzlich sah die Grossmutter wie durch einen kurzen Gang in ein Gewölbe im Felsen hinein, und drinnen sass ein Weibervolk, in eine Kapuzinerkutte gekleidet, und spann mit allem Eifer. Mit dem Kopf, auf dem es nach alter Mode »Hauben und Käppli« trug, nickte es beständig. Die Mutter machte die Töchter aufmerksam, und diese sahen nunmehr die wunderliche Spinnerin auch und lachten überlaut. Aber jetzt kam sie! Alle drei rissen aus und sprangen, soviel sie nur mochten.«



Das Gespenst beim Rynächthäuschen

Nahe beim Rynächtseeli, westlich der Landstrasse, stand früher ein Wohnhaus, das Rynächthüsli geheissen, das als Heidenhäuschen galt und jetzt abgebrannt ist. Nachts sah man bisweilen darinnen zwei gespenstige Spinnerinnen oder Näherinnen, die plötzlich samt ihrem Lichtlein verschwanden, wenn man zum Fensterlein hinaufstieg oder das Häuschen betreten wollte.

Berührung eines Geistes

Nachdem das Rynächthäuschen abgebrannt war, liess sich im Türli der Haglücke von Zeit zu Zeit nachts ein gespenstiger, grosser Mann blicken, so gross, dass sein Hosengurt grad über die oberste Latte des vierlattigen Hages zu liegen kam. Der Marti-Hansi von Erstfeld wünschte ihm einmal guten Abend, erhielt aber keine Antwort. Da kamen auch seine zwei Gespanen hinzu und wünschten ihm ebenfalls die Zeit an, und als der Geheimnisvolle stumm blieb, sagten sie zu ihm: »Worum red'sch nyt?«, und Marti-Hansi, der etwas angestochen war, berührte ihn an einem Bein. In diesem Augenblick bog sich das Gespenst, das in der Strasse stand und ihr den Rücken kehrte, mit dem Kopf und dem Oberleib vornüber über den Lattenzaun bis auf den Boden der Wiese, wie eine Weidenrute am Wege. Die Füsse standen in der Strasse, und der Kopf berührte den Wiesengrund jenseits des Zaunes. Das Gespenst verbreitete dabei einen furchtbaren Gestank. Der Marti-Hansi büsste seine Keckheit mit einer Geschwulst an einem Bein.

Karfreitagseier

Als sie an der Grenze zwischen Erstfeld und Silenen das Drahtseil über die Reuss errichteten, gab ein alter Mann den Rat, in den Erdboden unter dem Drahtseilhäuschen im Namen der hochheiligsten Dreifaltigkeit drei Karfreitagseier zu versenken, das sei gut gegen Rübenen und Lawinen. Sie handelten nach diesem Rat und er hat sich als gut erwiesen. Als vor einigen Jahren die Rübi aus dem Brusttal ringsum alles verhergete, blieb sie grad vor dem genannten Häuschen stehen.



Ein Kind sieht seinen verstorbenen Vater

Ein Bauer in Erstfeld wurde vor kaum zwei Jahrzehnten von einer stiersüchtigen Kuh zu Boden gedrückt, dass er das Rückgrat brach und daran starb. Kurze Zeit nachher, als die Mutter mit ihrem zweijährigen Kinde zum Stalle ging, um das Vieh zu besorgen, rief dieses auf einmal: »Lüeget, da chunt der Vatter hinderem Gadä firä.« Ähnliches ereignete sich später mehrmals; die Mutter aber sah allemal nichts und suchte es auch dem Kinde auszureden und sagte ihm, der Vater sei ja nicht mehr hier, er sei im Himmel. Aber das Kind bestand jeweilen auf seiner Aussage. Endlich sagte es die Mutter dem Pfarrer in Bürglen; der fragte, ob das Kind tifig genug wäre, die Erscheinung anzureden und zu fragen, was sie wünsche und was ihr fehle. Die Mutter meinte: ja, und unterrichtete das Kind in seiner Rolle. Es redete bei der nächsten Erscheinung den Vater an, und der bekannte, er habe etwas gefehlt und bedürfe dafür dies und jenes. Das sagte dann die Mutter dem Geistlichen wieder, und dann erschien der Vater nie mehr. Was dieser gefehlt und was er noch gewünscht hatte, sagte die Mutter ausser dem Geistlichen niemanden.



Walt Gott und Maria

Wenn allemal meine Grosseltern, so fährt meine Erzählerin fort, das Berggut verliessen und in das Streiwiriss hinunterzogen, schlossen sie das Berghäuschen, indem sie dabei laut den frommen Spruch beteten: »Walt Gott und Maria!« Da erscholl einmal vom Bockitobel her der klagende Ruf: »Ach Jeerä, nur das: Walt Gott und Maria!« Seitdem beteten sie doch etwas mehr dazu, und die Stimme liess sich nicht mehr hören.


Von einem Wettermacher

In der Chuchi, nahe bei der St. Leonhardskapelle in Erstfeld, arbeiteten die Leute am Heu. Da kam vom Bürtschen her ein grosser, schöner Herr des Weges, stand bei ihnen still und sagte, sy sellet de nur ä chly gleitig machä, äs chennt-nä de susch nu dri rägnä. Sie lachten ob seiner Rede, denn am Himmel war kein Wölklein zu erspähen. Der Herr schritt weiter, sprang aber bald auf eine Strassenmauer hinauf, und da beschattete er mit den Händen seine Augen, schaute gegen das im Westen liegende Erstfeldertal, hob dann das linke Bein in die Höhe und drehte sich auf dem rechten rasch dreimal ringsum. Dann sprang er hinunter und war plötzlich spurlos verschwunden. Aber düe sygs losg'gangä mit wättärä-n-und haglä-n-und ribänä! Ä b'hiätis! Mä heig g'meint, das ganz Erschfäldertall und nu das halb Ryßtall derzüe miäßtet z'Huddlä-n-und z'Gudärä gah.


Steghund und Stegkatze

In Erstfeld machte der Steghund viel von sich reden. Es war ein schwarzes Tier mit einem grossen, grünen, feurigen Auge auf der Stirne. Eine Person beschrieb ihn mir als rot. Er begegnete oft den Leuten auf der alten Erstfelder-Brücke und wich ihnen immer nach rechts aus, ging also an der linken Hand des ihm begegnenden Wanderers vorbei. Drückten ihn die Leute an den Rand der Brücke, um ihn zu bewegen, auf die andere Seite auszuweichen, dann sprang er auf das Brückengeländer und marschierte darüber her oder warf sich sogar in das Wasser, aber unter keinen Umständen wich er nach links aus. Einer gab ihm einst einen Fusstritt, doch in einem Augenblick war sein Schuh verbrannt und fiel ihm wie Zunder vom Fuss. Dem Wanderer erschien er zuerst ganz klein, dann wuchs er schnell an; im Augenblick, da er an ihm vorbeiging, war er grösser als der grösste Hund. Er kam von Schattdorf her auf der Strasse über den Rynächt, und sein Auge zündete so hell, dass man seine Wanderung aus den höchsten Berggütern in Attinghausen, Erstfeld und Silenen vollkommen beobachten konnte. Ein Älpler, der nachts von Bogli gegen Erstfeld herniederstieg und auf dem Jützstein im Ditschiwald, etwa eine halbe Stunde ob Erstfeld, sich ein wenig erstellte und die Pfeife anzündete, sah ihn ungefähr eine Stunde von Erstfeld, entfernt von Schattdorf her kommen. Da dachte er bei sich: »Da witt etz doch lüegä, ob nitt vor dem zur Briggä magsch!« und sprang in grossen Sätzen dem Talboden und der Brücke zu. Aber wohl! mitten auf der Brücke begegnete ihm das Tier!

Er sei auch schon in Surenen und Waldnacht gesehen worden. Seine Wohnung hatte er im Rossgädemli in der Alpbachhostet im Taubach nahe bei dem alten, stattlichen Hause, das im 17. Jahrhundert von Landammann Sebastian Muheim bewohnt und auf den Trümmern des alten Meierturms erbaut worden war.

Karfreitagseier

Als sie an der Grenze zwischen Erstfeld und Silenen das Drahtseil über die Reuss errichteten, gab ein alter Mann den Rat, in den Erdboden unter dem Drahtseilhäuschen im Namen der hochheiligsten Dreifaltigkeit drei Karfreitagseier zu versenken, das sei gut gegen Rübenen und Lawinen. Sie handelten nach diesem Rat und er hat sich als gut erwiesen. Als vor einigen Jahren die Rübi aus dem Brusttal ringsum alles verhergete, blieb sie grad vor dem genannten Häuschen stehen.


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