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KULTUR > Erstfeldertal
Bilder: Sepp Huber, Otto Althaus, Marie Theres Lang- Epp, SAC- Jahrbücher
Text: Sepp Huber
41 Meter tief in der Gletscherspalte
Orell Füssli Verlag / 7. Auflage 1969
Eigentlich wollte der 1899 geborene Emil Lehrer werden, doch seine gesundheitliche Entwicklung und die wirtschaftliche Lage des ersten Weltkrieges verhinderten diesen Abschluss
Bild links:
Die Schüler des Kollegiums Schwyz senden auf der Rückseite dieses Bildes ihrem ehemaligen Mitschüler Emil Epp die besten Grüsse.
Alpine Unterkünfte brauchen für Schutz und Schirm zwei Engel: himmlische und weltliche. 1920 wurde die alte Kröntenhütte durch einen Wächtenabbruch stark beschädigt. Für die neu erstellte Hütte verfasste die Sektion Gotthard SAC einen Hüttenwartsvertrag und schrieb die Stelle aus. Gewählt wurde 1922 aus sechs Bewerbern Emil Epp, Schreiner, vom Kohlplatz aus Bristen und weil sein Vater Josef Maria im Winter Schuhe reparierte und während des Sommers Fischfang betrieb, nannte man diese Familie “z’Schuhmachers”.
Josef Maria Epp
(Vater von Emil)
Emil Epp, (1899 - 1981)
Emil, der Schreiner, der Hüttenwart, der Bergführer, der Skifabrikant, der Kunsthandwerker, der Jäger, der Schütze, der Fotograf, der listige Erzähler, der Denker, der Zyniker, der Ehemann, der Familienvater. Ein Individualist seltener Prägung, der während 46 Jahren, von 1922 bis 1967 dem Geschehen auf der Kröntenhütte eine besondere Note verlieh.
Zitate Epp
Das Schicksal warf mich in die Berge zurück.
Auch hier erfüllte ich meine Mission.
Natur beobachten- Menschen studieren- Dich kritisieren.
Wir lügen nicht- wir bagallisieren oder dramatisieren!
Die Jugend ist die Zukunft. Sie ist einer aufgehenden,- ich einer untergehenden Sonne gleich.
Noch ledigen Standes begann mit 23 Jahren seine Tätigkeit als Kröntenhüttenwart mit einem Vertrag, der viel Pflichten und wenig Entgelt beinhaltete, doch der idealistische Status als Hüttenwart schien manches auszugleichen. 1927 erhielt er das lokale Bergführerpatent und 1930 nach absolviertem, 3-wöchigem Urner Bergführerkurs, Albert-Heim-Hütte und Furkagebiet, - dem letzten im Kanton Uri - unter der Leitung von Dr. C. Täuber, das Berg- und Skiführerpatent 1. Klasse. Ausgerüstet mit listigem Scharfsinn war der Bristner Archetyp Emit lange Jahre ein gewissenhafter und sozial handelnder Hüttenwart und gleichzeitig ein geschätzter Bergführer. Unterhaltsarbeiten und Reparaturen gleich welcher Art an und in der Hütte -natürlich mit eigenem Werkzeug- waren seine professionelle Stärke. Zudem hatte man hatte immer das Gefühl, die Hütte gehöre ihm und er zu ihr. Er hat gestrichen, gemauert, geschreinert, Steinplatten neu unterlegt, die Hüttenwege ausgemäht, Dachschindeln nachgestossen usw. Gründlich wurden die Petrollampen geputzt, das regelmäßige Aufziehen der „Stubenuhr“ gehörte zum Samstagsritual und die Pflege des Rettungsmaterials war für Emil mehr als Verpflichtung.
41 Jahre übte er den Bergführerberuf aus, präsidierte nach verschiedenen Vorstandstätigkeiten von 1943 bis 1950 den Urner Bergführerverein und wurde später deren Ehrenmitglied. Oft zog er sein Bergseil in den Abseilring des kleinen Spannort’s, kletterte mehrmals die Schlossberg- Südwand, daneben war der Krönten sein Hausberg, gerne bewegte er sich im Gebiet des Schlosskessels und in den Sonnigstöcken. Dies liest man auch in seinem Führerbuch, das 1927 begann und 1970 endet, vielen war er ein „alter und bewährter Freund“!
Zitate Epp
Geschossener Pfeil, gesprochenes Wort, versäumte Gelegenheit:drei Dinge, die kehren nie zurück.
Der Alkohol fördert die geistigen und sexuellen Kräfte in nahezu lächerlicher Weise- Miggel rupf dich zämä!
Die Natur formt den Menschen - das Schicksal meißelt sein Gesicht - das Glück malt es.
Als sehr guter Skifahrer setzte er seine unerreichbar gefahrenen Telemark als Schreiner beruflich um und spezialisierte sich in der Werkstatt in Niederhofen, im Anwesen vom Huber Hans, dem „Seebi Hans“ auf die Herstellung von Skiern “Marke Epp Spezial“. Vorwiegend im Winterhalbjahr schreinerte er vielfältige Nischenprodukte, immer suchend nach eigenen Ideen. Daneben reparierte er Vorunterrichts- Skis und gebrochene Skispitzen gleich dutzendweise.
In der Werkstatt lag der Geruch von rotem „Lucendro- Skilack“, vermischt mit Laubholzgeschmack von gefertigten Stabellen, Traggabeln, Zapinhälblig, Horäschlittä, Truhen mit Kerbschnitzereien usw. Und Emil war gut, denn er hatte für den Zuschnitt eines “zölligen Holzladens deutschen Masses“ mit einer Schreinersäge einen Vorschub von 5 cm pro Stoss. „Jah- jaah“ kommentierte er diesen Zug. Emil war ein gedanklicher und handwerklicher Tüftler.
Äußere Kenzeichnen typisierten den „späten Emil“: kurzer Oberlippenbart, geneigter Gang, einen Lodentschoppen, auf dem Hinterkopf ein gelismetes rundes Chäppi, unter dem die wenigen, schlohweissen Haare wild und ungestüm ihre Freiheit suchten. (Ich wett ich hät’ dis’ Haar und mys’ Hirni“) und eine Tabakpfeife. Für Attribute hatte er ohnehin etwas übrig. Oberhalb der Hütte stand auf den Steinplatten ein mannshoher Legföhrenmann, dr’ Tifel, vor der Hütte auf dem Tisch ein unbehauener Stein, dr’ Mussolini. In der Hütte ob dem Lugitisch an der Wand ein verschlungenes Legföhrenkreuz mit der geschnitten Inschrift: „Im Kreuz ist Heil“, eine geschnitzte Holzfigur, „die Fee vom Obersee“ in der Ecke. Am Eingang zeigte der Hydrometer, eine kleine Astgabel, „ä schattiggwaxni Wysstannä“, die Luftfeuchtigkeit. In den Fensternischen standen knorrige Holztrögli in Form verdreht gewachsener Legföhren, auf einem Felsblock in Hüttennähe befand sich ein kleiner Gemüsegarten, für die Milchlieferung waren einige Geißen zuständig. Emil war geist- und ideenreich, originell.
Seine Ehefrau, die in Erstfeld geborene Margrit Arnold, „z’Gebhartä“ gebar ihm sieben Kinder. Eines davon war Martin, der später bekannte Schweizer Bergführer.
Frau Epp, d’Hittäwartänä“ wie man sie nannte, betreute im Erstfeldertal und später im Maderanertal jahrzehntelang einige Bienenvölker, war viel in ihren Allmendgärten anzutreffen und töpferte mit großem Geschick kunsthandwerkliche Motive.
Vor und während der Jagdzeit war Emil nicht wieder zu erkennen. Jagdfieber. Nachts verliess er die Hütte, meistens kehrte er auch erst wieder nachts zurück oder fehlte über Tage hinweg. Von der gleichen Stelle aus habe er über 50 Gämsen geschossen und in den besten Zeiten die Tiere in den Bärenzähnen an eine „Triste“ gelegt. Jägerlatein. Mit den Leibern erlegter Gämsen habe er den jungen Martin im Glatten Firn zugedeckt, als sie ein schwerer Schneesturm zum Biwak zwang. Doch wer Emil bei der Hochwildjagd an der Felsrouten des Krönten erlebte, das Gewehr im Anschlag zwei, drei Patronen zwischen den gepressten Lippen, der sah groteske, urmenschliche Jagdleidenschaft. Der Aufbewahrungsort seiner Jagdgewehre war ein doppelter Boden unter der Bettstelle im Hüttenwartszimmer, darin hatten genau drei Gewehre Platz. Sein Jagdglück basierte auf selektiven Sehen, seiner Treffsicherheit, (kei g’fähltä Schuss) sicherem Tritt und langer naturnaher Beobachtungen.
Als er seine Vergänglichkeit spürte meinte er: „Heute würde ich nicht mehr soviele erlegen.“ Das Fleisch wurde für den legendären Hüttenhock verwendet: Italiener Polenta und Gemspfeffer. Eingelagert hatte er verderbliche Waren hinter dem Obersee in den Firnresten der Kröntennordwand. So ruhig wie er ein übervolles Weinglas halten konnte, so ruhig schoss Emil auch bei Schützenanlässen, an denen er dank seiner Nervenstärke beachtliche Kranzresultate erzielte.
Viele tausend Touristen erlebten unvergessliche Hüttenabende, denn Emil hatte eine besondere Art der Erzählkunst. Dazu gehörten sein Markenzeichen und das Ritual „Pfeifenanzünden“. Mit nerventötender Langsamkeit entflammte er die Zündhölzer – pro Abend dutzendweise -, derweil diese einzeln und brennend bis auf die Fingerspitzen abkohlten. In der Tabakdose sorgten fein geschnittene Strenzenwurzeln für das Feuchtklima.
Von alten Bergführern war die Rede, vom Bristnern und anderen Leuten, abenteuerliche und schauerliche Geschichten, hervorragend erzählt und witzig ausgeschmückt. Das Universalgenie Epp war ein hervorragender Holzkenner wie auch auf anderen Gebieten ein Naturtalent.
Vermischt mit den Anlagen eines Intellektuellen und persönlichem Gedankengut erzielte Emil verblüffende Effekte. Unterstützt durch die Überzähligen kamen Episoden mit Seltenheitswert zustande. Dabei verzogen sich seine unzähligen Gesichtsfurchen zu einem unglaublichen Mimik- Repertoire. Und wenn der Miggel in der Wahl seiner Aussprüche keine allzu großen Differenzierungen mehr machte, nahm ihm dies von den Betroffenen selten jemand übel oder war deswegen nachtragend.
Zeichnung: Sepp Huber
Foto "Althaus"
Seine Ziegen würden im Winter von einer Frau gemolken, darum trage er dabei auch eine Fürscheibe. Nur mit „leeren Hosen“ käme da kein Spruz! Das „Ziegenmelken“ auf dem Hüttenvorplatz hatte eine besondere Handlung. Manchmal drehte der Melker Emil das Euter und dann traf der Milchstrahl einer der ZuschauerInnen. Die hervorragenden Dia- Vorträge über seine Berge, über seine Kröntenhütte, das enorme Wissen über Fauna und Flora und seine träfen Ausdrücke waren ebenso bekannt und überwältigend, wie seine späteren Veltlinertouren.
Zitate Epp
Siedend heiss gekochtes Wasser wollte ein deutscher Besucher:
"Nur vo einer Sortä" retournierte Emil
Die Mitglieder der Sektion Uto nannte er "Utopisten"
Wenn ihm jemand nicht passte setzte er noch eins drauf:
"Aus Kröten gibt’s wieder Kröten"
oder zu SBB- Angestellten: hätte er
„einä ä g'fähltä gha“ (Söhne) dann hätte er den auch "zur Bahn greiset“
und der radikale Begriff LMa- Quadrat hiess:
"Läck mier am Arsch"
Doch, Emil war zu intelligent, als dass er nicht mehr wusste Er besaß ein feines Gespür und hatte eine sensible Seele, zitierte Goethe, verstand physikalische Formeln, rezitierte Nitsche und wenn alles passte, bekräftigte er dies en Francaise Epp.
Nach seiner Hüttenwartstätigkeit setzte sich Emil noch lange nicht zur Ruhe, Strahlnen wurde seine Lieblingsbeschäftigung. „Ich gah nu ä paar Strahlä ga reichä“.
Daneben war er bei seinem Sohn Martin in der Sidlenhütte oder anderswo in den Bergen anzutreffen. Ä’ Bärglimel“ wie er sagte, ein „Halbtagsphilosoph“ mit innerem Drang und stetem Bedürnis nach den Bergen, ein reifer Alpinerzähler. Und immer wieder der Hinweis, er müsst noch einiges aufschreiben. Zurück blieben Fagmente, lebendig geblieben sind die Erinnerungen.
Während seiner 56-jährigen Zugehörigkeit zur Sektion Gotthard des SAC hat Emil Epp nicht nur an über 200 Rettungsaktionen teilgenommen, sondern auch eine ganze Bergsteigerphilosophie und mit seiner langjährigen Erfahrung am Berg ausgeprägtes Naturverständnis vermittelt. Auch ohne die legendären Telemarks, bleiben die Spuren von Emil Epp immer mit der Kröntenhütte verbunden.
Zitate Epp
Sonne und Mensch- zuletzt ein Untergang.
Man muss Freude haben am Leben - Willen zum Kämpfen - Mut zu Sterben.
Es wurde in meiner Seele zu eng in mir, sie hob die leisen Schwingen,
flog hinauf zu Dir.
Andenken an Emil Epp- Arnold, Bergführer, Skifabrikant und Hüttenwart.
geb. am 18. Juni 1899 gest. am 29. Okt. 1981
gewidmet von Sepp Huber 
Wer langsam lebt
lebt lange.
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Das Alleingehen ist
eine strenge Schule des Lebens.