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KULTUR > Erstfeldertal
Als es weder Kühlschränke noch Kühlanlagen gab, war das Gletschereis ein begehrtes Produkt. Nicht nur Bierbrauer, auch Lebensmittelhändler und Wirte wollten ihre Ware durch Kühlung frisch halten. Verlockend nahe schien der Schlossberggletscher, zudem plante die Gotthardbahn in Erstfeld die grösste Station des Kantons Uri.
Nur sieben Kilometer und eine Höhen von 1200 Meter standen dazwischen. Dies bewog den Luzerner Heinrich Wüest die viel versprechende Ausbeutung am Schlossberggletscher anzupacken.
Auch der Erstfelder Gemeinderat schien 1877 von der Sache überzeugt.
“Wir glauben, die Erstellung einer Station in Erstfeld würde die Bahn bedeutend frequentieren, indem jetzt schon ein beträchtlicher, für die Bahn immerhin rentabler Verkehr mit Vieh, Holz und anderen Produkten und namentlich durch die Ausbeutung des Schlossberggletschers stattfindet, und dass das in hier sehr günstige Terrain für Nutzbarmachung von Wasserkräften für den Betrieb industrieller Etablissements zu den schönsten Hoffnungen berechtigt“.
Teils noch vorhandene Bohrlöcher für die Masten und deren Abpannungen auf der Flüe, im Höllberg, im oberen Stutzberg und bei den Platten im Nofli bei Michlers Egg zeigen den Verlauf der Gletscherbahn.
An der Reuss findet sich beim „Schifflistein“ folgende Inschrift:
„Hier war 1878 der Umladeplatz für das Gletschereis aus dem Erstfeldertal. Dieses wurde über eine Drahtseilanlage in die Nähe der Reuss befördert, in Pontos verladen und in Flüelen mit Nauen weiter nach Luzern transportiert. Dort wurde es zu Kühlzwecken an Bierbrauer verkauft.“
So transportierte man damals die langen Stahlseile
Bild: Uri damals, Karl Iten
Chronologie
1877
Am 10. Mai 1877 erteilte die Bezirksgemeinde Herrn Heinrich Wüest, Luzern, die Bewilligung zur ausschliesslichen Ausbeutung des Spannort - oder Schlossberggletschers im Erstfeldertal auf die Dauer von 15 Jahren unter folgenden Bedingungen:
1. Der Konzessionär hat nach erhaltener Bewilligung Fr. 50.-- und sodann eine alljährliche Gebühr von Fr. 100.-- an die Bezirkskasse zu zahlen.
2. Die Konzession ist als erloschen zu betrachten, wenn die Gletscherausbeutung nicht innert der nächsten zwei Jahre begonnen wird oder wenn mehr als eine einjährige Konzessionsgebühr unbezahlt ansteht.
3. Der Konzessionär hat für allen Schaden, der dem Kanton, dem Bezirk oder Privaten durch die Anlage oder den Betrieb des Geschäftes erwachsen, unbedingt zu haften oder durch einen von ihm bezeichnende Stelle in Uri zu verzeigen.
Das Eis sollte mittels einer Seilanlage bis zur Säge im "Grund“ transferiert werden. Für die Holzmasten bewilligte der Engere Rat den Verkauf von 71 Langholzstämmen an die Unternehmung. Der Erlös ging je hälftig an die Berzirks- und an die Gemeindekasse.
1877 ff
62 Männer trugen am 19 Juni 1877 das erste, 28 Zentner schwere Drahtseil ins Erstfeldertal. Am 13. Aug. fand der letzte Seiltransport statt. Dem Unternehmer Wüest schien die Sache nicht ganz geheuer, denn bereits im Spätherbst des gleichen Jahres gelangte er an mit einem Übertragungsantrag an den Engeren Rat.
1877
„Von der Anzeige des Engeren Rates, dass Heinrich Wüest die von der Bezirksgemeinde unter dem 10. Mai dieses Jahres erhaltene Konzession für die Ausbeutung der Spannörter-oder Schlossberggletschers durch den Vertrag auf Herrn Müller-Pack in Basel übertragen und den Bauherrn Josef Püntener von Erstfeld als seinen Repräsentanten im Sinne von Ziff. 3 der Konzessionsbedingungen bezeichnet habe, wird hiererorts Kenntnis genommen, jedoch solle diese Übertragung der definitiven Genehmigung der Bezirksgemeinde unterbreitet werden inzwischen aber die ungehinderte Fortsetzung der Arbeiten für Eisausbeutung gestattet sein“. Der nachfolgende Winter aber brachte viel Schnee. Lawinen haben der neuen Drahtseilleitung bedeutenden Schaden zugefügt und diese teilweise zerstört.
1878 ff
Erteilte der Bezirksrat Herrn Heinrich Wüest die Genehmigung, die erhaltene Konzession durch Vertrag auf Herrn J. J. Müller- Pack, Grossrat in Basel unter den gleichen Bedingungen zu übertragen.
Als Replik auf eine tendenziöse Nachrichte des Vaterlandes: „Die Urner Eisgesellschaft scheine liquidieren zu wollen, zumal Drahtseile zu herabgesetzten Preisen verkauft worden seien” schrieb die Urner Zeitung:
“Der Verkauf vorrätiger und nicht zweckentsprechender Fabrikate lasse am allerwenigauf eine Liquidation schliessen, verrät eher Sachkenntnis und Ökonomie. Der Betrieb des Eistransportes ist in Aussicht genommen, sobald die Gotthardbahn hier stationiert wird" lautete die Erwiderung.
Tatsache ist, dass die mit soviel Reklame begonnene Eistransportgesellschaft gänzlich fallierte und mit einem Verlust von rund Fr. 100’000.-- Herrn Müller-Pack sein Basler Grossratsmandat kostete.
1879
Ersuchte der Basler J. J. Müller- Pack den Bezirksrat um Verlängerung der Konzession für die Eisausbeutung des Spannörter- oder Schlossbergletschers bis zu Jahre 1900, angesichts der gehabten enormen Versuchskosten gegen jährliche Bezahlung der Konzsessionsgebühr von Fr. 100.--
Repräsentant war Erstfelder Bauherr Püntener. Der Bezirksrat erkannte den Ausweis über den Beginn der Arbeiten für die Gletscherausbeutung als geleistet und beantragt, es sei die nachgesuchte Verlängerung unter den anfänglich gestellten Bedingungen zu gewähren.
1883
Am 14. Mai 1883 wird die Gletscherausbeutung des Spannörter -und Schlossberggletsches vom Bezirksrat auf die Dauer von 10 Jahren erneut konzessioniert. Die Konzession mit einer Pauschale von Fr. 100.-- und einer jährlichen Gebühr in der gleichen Höhe, erhielt der Basler, Emil Grote. Sollte die Gletscherausbeutung nicht innert den nächsten zwei Jahren begonnen werden galt die Konzession als erloschen, ebenso wenn eine einjährige Konzessionsgebühr unbezahlt ansteht.
Für allen Schaden, der dem Kanton, dem Bezirk oder Privaten erwachsen sollte, haftete der Konzessionär unbedingt, entweder persönlich oder ein durch ihn bezeichneter, zahlungsfähiger Urner Stellvertreter. Die ganze oder teilweise Abtretung der Konzession an Dritte unterlag der Genehmigung der Bezirksbehörde. Amtsblatt
1887
Der Aufwand für die Eisausbeutung im Erstfeldertal erwies sich im lawinengefärdeten Tal als Fehlentscheidung. Die noch brauchbaren Drahtseile wurden im Winter 1887 mit schweren “Horäschlittä” nach Erstfeld transportiert und dort verkauft.
Dabei verunglückte der 1846 geb. Jüngling Josef Wipfli, „des Kirchenvogten“. Beim letzten Rücktransport der Drahtseile im Gebiet der „Stägä “ wurde der Schnee unter der ca. 300 kg schwere Last weggedrückt. Auch Wipfli verlor den Halt, stürzte in den Altbach, und ihm nach der Schlitten. Wipfli brach sich den Schenkel und das Rückgrat für Fr. 3.50 – Taggeld und erlag vier Tage später, am 7. Februar 1887 seinen schweren Verletzungen.
1916
Einzelne Stahlseile aus dem Erstfeldertal wurden verkauft und für Transportanlagen über die Reuss verwendet. Die unrentable Eisausbeutung endet mit dem Eintrag im Urner Landbuch 1916. „Die Konzession der Bezirksgemeinde zur Ausbeutung des Spannörter -und Schlossbergletsches vom 14. Mai 1883 an E. Grote wird als erloschen betrachtet“.
Namensrelikt
Noch heute aber taucht die Eisausbeutung als Namensrelikt auf. Im vordersten Schattigboden auf der Alp Chüeplangg: uf- em Rad“. Dort, wo ein eisernes Rad die Steigungsdifferenz der Seilanlage zum flacheren Teil ausglich.
Der Basler Emil Grote konnte am Rhonegletscher mit weniger Schwierigkeiten Eis abbauen
1884
Offenbar investierte Emil Grote nicht im Erstfeldertal, bereits 1884 sprengte er mit Hilfe von Dynamit Eis am Rhonegletscher. Die grossen Blöcke wurden in feinere Stücke geschnitten und mit Pferdefuhrwerken zum Versand nach Göschenen transportiert.
5 Fuhwerke waren unterwegs. Einen Tag hinauf zum Rhongletscher, den anderen Tag beladen wieder hinunter. Alle zwei Tage ging ab Göschenen eine ganze Wagenladung des Gletschereises nach Basel ab.
Da die Eisausbeutung des Rhonegletschers mit verhältnismässig wenig Schwierigkeiten und Kosten verbunden sein soll, so ist es sehr wahrscheinlich, dass damit der Bevölkerung von Ursern eine bleibende Verdienstquelle eröffnet worden ist. UW 1884