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Einleitung

KULTUR > Erstfeldertal

Zeichnung: Friedrich Salathé; 1821

Der alte Dorfteil von Erstfeld befindet sich auf der linken Reusseite am Eingang zum Erstfeldertal, das durch den Schlossberggletscher abgegrenzt wird.
Die westliche Gemeindegrenze reicht bis ans Ende des Erstfelder Tals hinauf zu den beiden Spannort (Kleiner Spannort 3140 und Grosser Spannort 3198 m.ü.M.). Den Grossteil des Gemeindegebiets bedecken das Erstfelder Tal mit seinen umschliessenden Bergketten. Es ist ein linksseitiges Nebental des Urner Reusstals und wird vom Alpbach durchflossen. Doch wohnt nur ein sehr geringer Teil der Einwohner in diesem Tal. Linksufrige Ortsteile sind Taubach, Niderhofen, Leitschach und Seewadi. Das Dorf und verschiedene andere Quartiere wie Bitzi, Rüti und Lussi liegen auf der rechten Reussseite.
Bloss 167 ha oder 2,8% der Gemeinde sind Siedlungsfläche. Davon sind 69 ha Gebäude- und 18 ha Industrieareal sowie 72 ha Verkehrsfläche. Umfangreicher ist die Landwirtschaftsfläche mit 694 ha oder einem Anteil von 11,7%. Darunter befinden sich Alpgebiete im Erstfelder Tal und am Westhang von Bälmeten (2414 m.ü.M.) und Schwarz Grat (2018 m.ü.M.). Sie bedecken eine Fläche von 373 ha. Dazu kommen 311 ha Wies- und Ackerland. Ausserdem sind 1730 ha oder 29,2% von Wald und Gehölz bedeckt. Unproduktives Gebiet umfasst den Grossteil des Gemeindegebiets, genauer 3329 ha oder 56,2%. Dabei handelt es sich fast ausschliesslich um hochalpine Gebiete in Form von Gebirge, Gletscher und sonstigen vegetationslosen Flächen.
Erstfeld grenzt im Westen und Norden an Attinghausen, im Norden an Schattdorf , im Osten an Silenen und im Süden an Gurtnellen und Wassen.

Ein Geheimtipp

Durch eine gewaltige Bergkulisse geprägt, bietet die Landschaft des Erstfeldertales mit seinen verschiedenen Gebirgskammern einen reichhaltigen Wechsel an unterschiedlichen Biotoptypen mit entsprechend grosser Vielfalt an Lebewesen. Einzigartig ist der hohe Anteil an unverfälschter Landschaft, die geringe Besiedlung und die nur mässig, landwirtschaftliche und touristische Nutzung. Aufgrund der landschaftlichen Ursprünglichkeit, vor allem aber auch wegen der grossen Vielfalt an geologischen Gegebenheiten beherbergt das Erstfeldertal eine herausragende Berg- und Alpenflora. Beidseitig steil bewaldete Bergflanken bewachen das tief eingeschnittene Tal, das vom alten Dorfkern durch verschiedene Bergheimwesen ansteigt und sich über verschiedene Talstufen erst im hinteren, nahezu unberührten Teil ausbreitet. Schattig und einsam wirkt das Tal im Winter. Im Sommer aber erwartet Sie eine sonnige, wilde und romantische Bergwelt mit grosser Abwechslung auf engstem Raum.
Sonne und Regen, Wind und Schnee haben in den vergangenen Jahrmillionen ganze Arbeit geleistet und uns eine eindrückliche Landschaft hinterlassen, eingebettet in eine imposante Kulisse mit unterschiedlichen Vegetationsstufen, schroffen Gipfeln und faszinierenden Gletschern.

Würzige Alpweiden, imposante Wasserfälle, Wildbäche, klare Bergseen, ein national bedeutendes Hochmoorgebiet und alles umrahmt von einer archaischen Gebirgslandschaft, macht das Erstfeldertal zum Geheimtipp für Naturliebhaber. Senkrecht breitet sich der Schlossberg über seinen stark zerklüfteten Gletscher aus, während auf der sonnigen Talseite die hellgrauen, bizarren Türme der Sonnigstöcke gleichsam in den Himmel schiessen. Das Fleigenfatthorn flimmert im klaren Morgenlicht und die Seele fliegt zu allen bestiegenen und unbestiegenen Bergen, an die man sich erinnern kann.


Ein Hauch von Ewigkeit


Die Alpen, während Jahrmillionen durch gewaltige Kräfte himmelwärts aufgetürmt, vermitteln heute noch den Eindruck des Unzerstörbaren. Dass auch sie dem steten Wandel unterworfen sind, offenbart das Schmelzwasser des Glatt Firns- und des Schlossbergglet-schers, das mit ungeheuerer Wucht und sprichwörtlicher Beharrlichkeit des steten Tropfens seinen Weg durch die Talschaft schleift. Von der ausdauernden Kraft des Wassers zeugt die tiefe Schlucht des Alpbaches, durch die der eiskalte Bach zu Tale donnert. Flankiert von den wildzerklüfteten Zinnen der Sonnigen Stöcke und beherrscht vom rauen Felsmassiv der Ruchen - Mäntliser- Kröntenkette findet das Tal seine natürliche Grenze am Bollwerk des breiten Schlossbergs. Wie ein gewaltiges Monument, unverrückbar seit uralten Zeiten ragt er über dem sagenhaften Tal, in der aufgehenden Morgensonne wie durch goldrotes Licht der Feuerlilien verzaubert.

In zwei treppenartig übereinander liegenden Karmulden breiten sich unberührte Hoch- und Flachmoore, Schwingrasen, Seen und Tümpel aus und bilden in der gebirgigen Umgebung ungewöhnlich weite Ebenen. Frei mäandrierende Bäche durchziehen die Moore und ergiessen sich nach dem Obersee hinab in den weit wärmeren Fulensee. Über die steilen Felswände noch oben wandert der Blick gleichsam zurück in urgeschichtliche Zeiten, als titanische Gewalten die Berge aufwarfen und erodierende Kräfte damit begannen, die tiefen Felseinschnitte zu formen. Die unendliche Dimension der Zeit wird offenbar und erinnert an die Geschichte des kleinen Vogels, der alle hundert Jahre seinen Schnabel am Berg wetzt, bis dieser abgetragen und die erste Sekunde der Ewigkeit vorüber ist.

Von der gezackten Eiskaskade des Schlossberggletschers zieht ein kühler Luftzug in den Talgrund, der die Menschen einst in Ehrfurcht erschauern liess. Damals, als die frühen Bergbewohner in den geheimnisvollen Eis- und Felswüsten noch dämonische Gestalten und büssende Seelen vermuteten und mit Bann und Kult die bösen Mächte zu besänftigen versuchten. Von ihren Ängsten und ihrem Existenzkampf zeugen unzählige Sagen und Legenden. Sie berichteten von Feuer speienden Ungeheuern im Alpbachtobel - von verwunschenen Prinzessinnen die den Schlossberg stützen- von der ausgebreiteten Haut des Sennen, die man auf der Alp vorfand - von Seelen, die sich auf dem Krönten treffen - von ewigen Vermächtnissen, von Missetätern und Alpfrevlern. Doch, so geheimnisvoll auch der eine oder andere Pfad von der Geschichte her sein mag, er kann das innere Erlebnis einer Wanderung in frischer Bergluft, vielfältiger Landschaft und farbenprächtiger Alpenflora nicht übertreffen.
Tourismus Erstfeld heisst Sie auf stillen Pfaden oder hochalpinen Bergtouren herzlich willkommen.


Sepp Huber


Noch kühlen die Gletscher

Noch kühlen Gletscherzungen die Gneisplatten unter den Karbonfelsen der Schlossbergkette und ungezählte Rinnsale vereinen sich wie ein silbernes Spinnennetz in den Trichter des Alpbaches. Halbkreisförmig umrahmen die Dreitausender der Spannortgruppe und der Kröntenkette den weitgewellten Gletscher des Glatt Firns in ihrem tiefen Becken. Nach der lärmigen Verkehrsachse des Reusstales senkt sich der Geräuschpegel und nur das dumpfe Rauschen des Alpbachs bricht das Schweigen des Tales. In ungebändigter Wildheit donnert er in der Sommerhitze als einer der letzten, (noch) ungenutzten Wasserläufe des Kantons Uri dem Talboden zu. In tiefen Gräben schneidet der Bach das Tal in die rechte,
schattenhalb gelegene Talseite und in die teils schroffe, sonnenhalb gelegene Talflanke.

Das weitgehend unerforschte Tal wird sowohl durch die natürlichen Elemente wie Berggipfel, Bergseen, Wildbäche, Wälder und Ribi- oder Lawinentäler als auch durch kultivierte Elemente wie Wege, Erschliessungsstrassen, Wiesen- Berg- und Alpweiden gestaltet. Dieses Zusammenspiel zwischen Berglandwirtschaft und weiträumig unproduk-tiven Gebirgsflächen im Wechsel von kristallinen Schiefern, Kalkgebirge und Erstfeldergneis bietet für Fauna und Flora eine enorme Vielfalt.


Sepp Huber

Wirtshäuser sind im Tale keine

„Ein wenig bekanntes, wirklich sehr sehenswertes, wohl vier Stunden langes Tal, welches sich in südwestlicher Richtung zwischen steilen, hohen Gebirgen in sanfter Neigung bis zum ungeheuren, aber herrlich schönen Schlossbergfirn hinanzieht. Anfänglich erhebt sich der auch für Vieh sehr brauchbare und gefahrlose Weg aus dunklem Gewölbe von dichtstehenden Wallnussbäumen malerisch empor und klettert im Zickzack über einen Gneisfelsen hinan, dann dem in tiefer Spalte brausenden Talbach entgegen. Zwischen Felstrümmern und malerisch gruppiertem Gelände taleinwärts, dann über mit schönen Wohnungen besäte Bergwiese, sodann durch einen Alpenwald hinan unter dessen Staube die Morgensonne schöne Regenbogenfarben malt. Nun wird die Natur nackter, alpenartiger, der Thalbach eilt stark fallend zwischen zwei Terrassen hinab. Dem Wanderer bleibt es frei, eine derselben zu besteigen und über die andere zurückzukehren, besonders wenn er einen aller Fusssteige kundigen Führer von Erstfelden oder aus dem Thale mitgenommen, wenn dies auch nur ein Hirtenknabe wäre. In kurzer Zeit und ohne alle Gefahr kann man am Ende dieses schönen Alpentals den gewaltigen Firn und dessen Gletscher anstaunen, den prächtigen Wasserfall des Faulenbaches betrachten, den schwarzen Faulensee und den Obersee, in welchen sich vom Gekrönten herabsteigender Firnschnee badet, sehen. Freilich, Wirtshäuser sind im Thale keine, gastfreundliche Berghäuschen und Alphütten aber, wird der Wanderer überall antreffen“.

Lusser 1834


Wild und trotzig


«Die Thäler des Waldkantons Uri sind noch ursprünglich, wild und trotzig, rauh und unfruchtbar. Fels und Gletscher, Wald und Wassersturz in schroffstem Durcheinander bauen die Scenerie, der des Baumeisters letzte Hand zu fehlen scheint
. Das reiche Material ist auf dem grossen Bauplatze vorhanden, aber die Werkleute sind davon gelaufen, und was sich in andern Thälern der Schweiz zu üppiggrünen Wiesenflächen, zu wohlgeregelten Flüssen, zu sammetebenen Matten und Halden, zu reizenden Naturparks ordnete, ist hier Wildnis geblieben, welche von toll übereinander gewürfelten Bruchsteinen bedeckt, von ungezähmten Wassern regellos durchirrt wird. Gerade dies aber ist der Reiz der Urner Höhen und Tiefen, denn wer den Herzschlag der Natur belauschen, wer in die allmächtigen Geheimnisse ihres Waltens eindringen will, muss ohne Pfad und Ziel durch diese Landschaft wandern.»

Woldemar Kaden 1876

Imposanter und urwüchsiger als das Schächental

"Noch imposanter und urwüchsiger als das Schächental ist das vier Stunden lange Erstfeldertal, wo die Alpennatur in Fels, Gletscher und Wassersturz viel Anschauungs- und Bewundernswertes schuf. In seinen Gründen wimmelt es von romantischen und idyllischen Stellen, die lieblichsten Matten wechseln hier mit schmucken Wäldern, pittoresken Felspartien und erwürdigen Wettertannen und Arven ab. In brausender Ungeduld stürmt der wildschöne Sohn des Gebirges, dem Gletscher entsprossene Talbach einher und in all' dem genialen Unfug den er da und dort anrichtet, scheint er dem verwundert dreinschauenden Besucher zuzurufen: “ Ich bin der Knab' vom Berg “.
“Nach zwei Stunden erreichen wir die Hütten von Sulzwald und überall macht sich der Genius des Pflanzenlebens besonders bemerkbar. Weiter gelangen wir in 15 Min. zu den Stäuben, wo der Talbach in unbändiger Hast unter gräulichem Tumult über abwechselnd steile Bergstufen herabstürzt und sein Wassergestäube von der Morgensonne in allen Farben des Regenbogens funkeln lässt. Bei den Hütten der Kuhplankenalp finden wir schon die Alpenrosen in hellen Scharen beisammen, doch die grossartigste Partie kommt noch. Nur wenige Minuten später und wir stehen vor einem der schönsten Wasserfälle de Schweiz, dem imposanten Faulenbach. Das Donnern und Brausen dieser mächtigen Wasserflut, die Wucht ihres Niederplatzens, der umhersprühende Perlschaum und die bedeutende Fallhöhe gewähren ein vielmalerisches Bild, eine Natursymphonie voll Kraft und Harmonie“.

Reiseführer, URI Land und Leute (1902)

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