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KULTUR > Erstfeldertal
Berge voller Überraschungen
Viele Urner leben am Berg, leben vom Berg und lieben den Berg. Der Bergler nutzt die Natur, er befindet sich aber auch in ewigen Kampf gegen ihre Unbill. Er „bannt“ den eigenen Grund gegen das Chaos, das es von aussen unablässig zu verschlingen droht, stellt Eduard Renner 1941 in seinem Klassiker Goldener Ring über Uri fest. „Der Grundsatz der Unverletzlichkeit des Eigens hat seine stärksten Wurzeln gerade in der Kargheit des Bodens und in der ständigen Gefährdung, in der jede Fussbreite fruchtbarer Erde steht.“
Bergnamengebung
Fleigenfatt und Schijen
Berge und ihre Namen schaffen Identität. Doch woher die Bergnamen stammen und wie sie sich im Verlaufe der Jahrhunderte veränderten ist bisher wenig erforscht. Die Alpenbewohner fürchteten sich vor den Mächten, die sie oben in den Bergen vermuteten und mit denen sie nichts zu tun haben wollten. Zudem waren Berge ökonomisch uninteressant – bis ins Mittelalter jedenfalls.
Die ersten Menschen, die auf den Alpen wirtschafteten, sind vor über tausend Jahren in die Höhen hinaufgezogen. Davon zeugen die unzähligen verlassenen Siedlungsplätze, die man im gesamten Alpenraum findet. Die Bewohner dieser Siedlungsplätze müssen es wohl auch gewesen sein, die den Berggipfeln zum ersten Mal Namen gegeben haben.
Grenzbeschreitungsprotokolle
Je mehr Menschen sich auf den Alpweiden aufhielten, desto mehr wurden Alpgrenzen gezogen werden. Für diese Grenzen brauchte es Fixpunkte oder markanten Felsen, auch Flur- und Bergnamen. Solche Beschriebe der Grenzen, auch als Marchbriefe bekannt, wurden vor Ort durchgeführt und protokolliert. Diese Grenzbeschreibungen bilden zusammen mit Urkunden, Altgülten, Alprechts- Landtausch- und Kaufverträgen den grössten Anteil der Bergnamenforschung.
Alte Karten und Geländeskizzen
Einen zweiten Fundus bilden alte Karten und Gelände Skizzen, die ab dem 16. Jahrhundert erschienen. Obwohl noch ungenau, geben sie immerhin oft Hinweise darauf, welche Berge bereits früh Namen trugen, weil sie offenbar einen wichtigen kulturellen, historischen oder geographischen Wert hatten.
Überlieferungskraft der gesprochenen Sprache
Erstaunlicherweise gibt es aber Namen, die im Wortschatz der Einheimischen überlebt haben, heute als Zweitnamen dienen und nirgends schriftlich festgehalten sind. Diese Entdeckungen zeugen von der Überlieferungskraft der gesprochenen Sprache. Menschen, die solche Namen kennen, in der Region verankert sind und den dortigen Dialekt sprechen, sind Gewährsleute für sprachgeschichtliche Untersuchungen. Sie sind die dritte und die wichtigste Quelle, die als primäre Ausgangslage für die Bergnamenforschung dient.
Von der Alp zum Gipfel
Viele Bergnamen sind meist von der Alp aus auf die Gipfel „gewandert". Dazu ein Beispiel: Der Berg, der zur Alp Seewli gehört, hiess früher Seewlistock. Die Berggipfel erhielten also vielfach den Namen von einer darunter liegenden Alp. Insofern sind viele Namen, beispielsweise auch das Matterhorn, einfach zu erklären. Die Bedeutung des Alpnamens ist dann eine andere Geschichte, sie gehört aber dazu. Um beim Beispiel des Seewlistockes zu bleiben: Auf der Alp Seewli wurden die Kühe gesömmert, und der „Ziger“ wurde zu Tal getragen, durch den „Zigerweg“. So ist der darüber liegende Berg als in den ersten Karten als „Zigerbergstock“ bezeichnet. Heute heisst der Sewlistock „Windgällen“ und der „Zigerbergstock“ wird als Rinderstock bezeichnet.
Die Bildung des Bergnamens
Die Bergnamenforschung unterscheidet zwischen Berg und Berggipfel. Der Name „Berg“ bedeutete etwas anderes als „höhere Erhebung im Gelände“. Der bodenständige Bergler meint damit vielmehr das landwirtschaftliche Gebiet zwischen Alpweiden und Talweiden. Neben dem Talgut besitzen viele Bauern ein höher gelegenes Gut, eben den „Berg“. Im Kanton Uri gibt es jedoch verschiedene sogenannte „Berge“, die ganzjährig bewohnt sind und folglich von „Bergbauern“ bewirtschaftet werden. Diese unterscheiden bei Bergipfelbenennung von ihrem bewirtschafteten „Berg“ und meinen mit „Stock, Horen, Schijen“ die höhere Erhebung für das, was wir standart-sprachlich mit „Berg“ bezeichnen. Berggipfel präsentieren sich in verschiedene Formen, die dann im Bernamen das "Grundwort", den zweiten Teil des Namens, ergeben: Stock, Horn, Grat, First. Meist erhalten die Gipfel dann das "Bedeutungswort", nämlich den ersten Teil des Namens, durch eine Eigenschaft: Farbe des Gesteins, Form, Flora, geologische Beschaffenheit, durch seine Nutzung oder Gefährlichkeit.
Schijen, Stock, Päuggen, Fleigenfatthoren
Ein in der Innerschweiz häufig vorkommender Bergname ist Schijen, Dies bedeutet dünne Latte, Zaunlatten, Schyyjäli, Schyyjälihag. Viele dieser Schien sehen tatsächlich wie nebeneinander stehende Zaunlatten aus. Auf die Steilheit deutet der Name Turm. Fulen weist auf das schlechte Gestein hin, nämlich auf lockeren, zu Steinschlag neigenden Fels. Ein Stock etwa ist durch seine Form definiert. Mit dem beginnenden Tourismus zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurden viele dieser Begriffe verwässert. Auf einigen Panoramen und Karten wurde damals den eigentlichen Bergnamen noch „stock“ angeklebt. Umgekehrt ist zu beobachten, dass gerade in Bergdialekten das „Stock“ weggelassen wird. Solche For-men sind in der Umgangssprache auch heute noch zu beobachten. Oft wurde ein Bergname nicht mehr verstanden und deswegen, wohl eher unwissentlich, umgedeutet.
Namensänderungen
Im Erstfeldertal kann in den vergangenen Jahrhunderten Jahren bei verschiedenen Bergnamen eine Reihe von Veränderungen dokumentiert werden. Dies trifft auf beide Talflanken, ebenso wie auf einige Gipfel im Hintergrund des Tales zu. So hiessen die Sunnigen Stöck beispielsweise „Geissberge", der Krönten „Grindlet“, der Zwächten „Gwasmet“, die Spannorte „Spaneter“, der Sunnig „Ruche“, der Chli Krönten „Männliser“, das Grau „Weisse Platten“, die Päuggenstöckli wurden in alten Karten „Beukert“ geschrieben usw.