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Alpinismus

KULTUR > Erstfeldertal

Es gibt ein paar Dinge auf dieser Welt, die sind vollkommen und nicht zu überbieten. Sie stellen in Form, Klang oder Geistigkeit etwas Endgültiges dar: etwa eine Statue aus dem alten Griechenland, eine Symphonie von Beethoven, ein Satz aus der Bergpredigt. Ebenso vollkommen scheinen die Berge. Wenn man dieses Einmalige offenen Sinnes auf sich wirken lässt, fühlt man den grossartigen Hauch des Jenseitigen, das dann keine Schrecken und dunkle Geheimnisse mehr birgt, sondern nur ein strahlendes Glück, das wir im weitesten Sinn Gott nennen dürfen. Der Wunsch nach diesem Erlebnis mag manchen unvorsichtigen Schritt, der das Leben gefährdet, verzeihlich machen.

Für die früheren Alpenbewohner waren die zerklüfteten Felsmassive mit ihren Eisströmen nicht geheuer. In diesen Vorposten der Hölle war der Aktionsraum verzauberter Feen und böser Geister angesiedelt. Manche grasreiche Alp viel diesen Ungeheuern zum Opfer und der Glaube an übernatürliche Kräfte war im Empfinden der Menschen tief verwurzelt. Das Hochgebirge galt als feindliche, schreckensvolle Wildnis, fürchterlich und scheusslich. Trotzdem wurde der Alpenwall zu militärischen Zwecken bereits in der Antike überschritten, spätere Pilgerwege führten auch über urnerische Alpenpässse.

In unabsehbarer Folge reiten sich die Heereszüge der Römer, die Wanderungen der Germanen, die Kriegszüge der Ungarn und der Sarazenen, die Romzüge Deutscher Kaiser, die Kriegszüge der französischen Könige führten auf unterschiedlichen Routen über das Bollwerk der Alpen. Schweizer Landsknechte zogen um den Sold nach den Schlachtfeldern jenseits der Alpen und der Gotthardpass gewann an Bedeutung.

Sagenwelt
Doch, so lebhaft der Verkehr auch gewesen sein mag, die Gipfel der Alpen wurden davon kaum berührt. Dort war Schrecken auf Schrecken angehäuft und die Abgründe brüllten einanander Entsetzen zu.
So ist die Sagenwelt im Alpenraum enorm und je näher am Gebirge, desto zahlreicher und bösartiger wurden die Geister. Trotzdem sind seit alters her einige unserer Alpenpässe bekannt und auch begangen. Als Jäger und Kristallsucher durchstreiften die Menschen das Gebirge, als Bauern suchten sie Übergänge nach geeigneten Alpweiden. Die Bergwelt abseits der Passwege aber, die steilen unproduktiven Stein- und Gletschereinöden oberhalb der Weidegrenzen interessierte kein Mensch.

Erst im 16. Jahrhundert begann es zu tagen.
Der neugierige Zürcher Gelehrte Konrad Gessner entdeckte nicht nur Einöden, sondern auch den Zauber einer bisher nie geschauten, wilden Welt. Auch sein Freund, der gichtgeplagte Josias Simler, beschrieb die Alpen und beeindruckte vor allem mit der Schilderung schauerlicher Gefahren. Noch verstrich mehr als ein Jahrhundert, bis mit Johann Jakob Scheuchzer ein weiterer Naturforscher die unbekannte Alpenwelt rekognoszierte und beispielsweise die Seen auf dem Gotthardpass kartierte. Und noch immer galt die Auffassung, der Gotthard sei die höchste Erhebung der Alpen überhaupt. Erhärtet wurde diese Bewertung durch den Genfer Physiker Micheli du Crest, der auf der Basis der Scheuchzerkarte den Gotthard noch im Jahr 1754 mit einer Meereshöhe vom 5300 Metern Höhe errechnete und 1760 erklärte der geologisch- und geographisch interessierte Gottlieb Sigismund Gruner, dass der Gotthard ohne Widerspruch der höchste Berg der Schweiz sei.

Um diese Zeit durchstreifte der Genfer Naturforscher Horac Bénédict de Saussure (1740 – 1799) die Westalpen. Sein Credo war der Montblanc und mit der Erfindung des Barometers verloren die einsam trohnenden Götter sukzessive ihre Glorie. Die viel gefürchteten Gefahren der Berge und deren Höhe reduzierten sich auf das Mass der Wirklichkeit. Der Trieb, Unbekanntes zu erhellen wurde zum Anstoss des Alpinismus.

Mit seiner Dichtung „Die Alpen“ veröffentlichte Albrecht von Haller eine neue Sicht der Gebirgswelt und pries die Hirten als Edelmenschen. Durch Jean-Jacques Rousseau, der die städtische Scheinwelt aufrüttelte und den Weg in das einfache Leben wies, wurde das Leben im Gebirge romantisch verklärt.


Was bisher mit Angst und Schrecken behaftet war, erlebte man plötzlich ästhetisch.

Man entdeckte die Merkwürdigkeiten des alpinen Lebensraumes und seiner Bewohner. Hochalpenmaler besuchten die Bergwildnis und malten Felsen, Gletscher und tosende Wasserfälle. Die Schweiz wurde zum Eldorado reicher, kulturbeflissener Ausländer. Doch das war nur der Auftakt. Die Briten, berauscht durch dramatische Alpinvorträge orientierten sich mit wachem Interesse am neuen Tummelplatz. Zudem konnte es sich die bürgerliche Oberschicht dank der Industrialisierung leisten, die neuentdeckte Form der Körperertüchtigung in britischem Stil zu erproben. Das unbefleckte Freiheitsparadies alpiner Gegenden hatte das Interesse der Engländer geweckt. Man blickte mit interessierten Augen um sich, erfreute sich der Wasserfälle und beschäftigte sich mit unbekannten Pflanzen. Die andersartige Leben der Einheimischen wurde aufmerksam wahrgenommen - kurz, man war dabei, das Geheimnis Alpen zu entdecken. Auch das Land am Gotthard war nach einem von Naturkatastrophen und Kriegswirren gebeutelten Jahrhundert daran, sich neu zu orientieren.

Enstehung des Tourismus

Das Reisen in und über die Alpen benötigte allerdings viel Zeit. Dies änderte sich erst mit dem Bau der Gotthardstrasse, die zwischen 1805 und 1830 durchgehend fahrbar gemacht wurde. Ab 1842 kutschierte die Reisepost täglich mit fünfspännigen Wagen und insgesamt 10 Personenplätzen über den Gotthard, für Bildungsreisende ein „Muss“. Noch sträubte sich die Urner Regierung 1832 gegen die Inbetriebnahme eines Dampfschiffes auf dem Vierwaldstätersee, denn ihre sorgfältigen Berechnungen hätten ergeben, „dass der ganze Transit auf dem See mit Inbegriff seiner sämtlichen Gestade nicht hinreichen würde, um die Existenz eines Dampfschiffes auf demselben zu sichern”. Dennoch steuerte 1837 der erste Dampfer, die „Stadt Luzern” mit einem Brennstoffverbrauch von eindreiviertel Klafter Tannen- und Buchenholz, die 41 km lange Strecke, Richtung Flüelen an. Ab Mai 1839 verkehrte er sogar täglich und bereits 1842 beförderte er die beträchtliche Zahl von 38’000 Passagieren. Eine zunehmende Rolle spielte neu die Gotthardbahn, dazu kam 1865 die Eröffnung der Axenstrasse und nun war es möglich, weite Strecken in verhältnismässig kurzer Zeit zu überwinden. In der anbrechenden Ära war ein neuer Einkommenszweig im Entstehen- der Tourismus.

Hotelbauten

Den Engländern nacheifernd, die bereits 1857 den exklusiven „The Alpine Club“ gründeten, wurde Bergsteigen und sportliches Verhalten gesellschaftsfähig. Aus reinem Vergnügen in unbekannte Gegenden aufzubrechen war zeitgemäss und zeugte von zukunftsweisender Gesinnung. Mit der Technisierung des Reiseverkehrs begann nun die Eroberung der Urner Alpen in steigernder Folge und brachte vielerorts einen bescheidenen, zusätzlichen Verdienst. Doch wo es Geld zu verdienen gibt, entsteht Wettbewerb. Man buhlte um Gunst und Geld der vermögenden Touristen. Von der Rigi bis zum Furka folgten monumentale Hotelbauten während sich der 1863 in Olten gegründete Schweizer Alpen Club auf dem Bau von alpinen Unterkünften beschränkte.


Kein Gasthaus

Doch die alpinistische Eroberung des Erstfeldertales ohne Anreiz eines Gasthauses oder eines Passes geschah nur zögernd. Schon 1834 vermisste der der Arzt und Naturforscher F. Lusser ein Wirtshaus und auch spätere Touristen suchten vergeblich nach einer Herberge. Der Erstbegeher des kleinen Spannorts, der Zürcher Alpinist Eugen Ochsner meinte 1867: „Dieses noch sehr wenig besuchte Tal ist höchst romantisch und verdiente, viel besucht zu werden. Leider befindet sich in diesem Tal kein einziges Gasthaus, weshalb die Touristen wegbleiben. Für einen unternehmenden Mann jedenfalls wäre etwas zu machen. Es soll einmal die Rede davon gewesen sein ein Hotel zu erstellen, der Plan ist aber wie es scheint, wieder aufgegeben worden”.

Bau der Kröntenhütte

Dies änderte sich, zumindest für die Bergsteiger, 1890 mit dem Bau der ersten Clubhütte der Sektion Gotthard des SAC oberhalb des Fulensees. Dennoch tragen viele Erstbesteigungen des Tales die Handschrift von Engändern, die als Mitglieder des elitären The Alpine Club bereits früher in den Urner Alpen tätig waren. Reverent Sowerby und seine englischen Gefährten bedienten sich einheimischer Führer und eroberten neben Krönten und Spannort in Uri noch mehrere Gipfel.



Ein Bergsteiger- Denkmal am Eingang des Tales begleitete die Alpinisten mit folgendem Text:




Zieh froh’ zu Berg - aus jedem Stand –


Es schützt dich Gott - mit starker Hand!

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